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Die letzten Tage der Menschheit
Szenisch-musikalische Lesung aus der Österreich-Satire von Karl Kraus. Mit Werner Steinmassl
Karten >Vor hundert Jahren begann der Erste Weltkrieg. Zehn Millionen Menschen fielen ihm zum Opfer. Einem gelang es, den Wahnsinn zu protokollieren. Der Wiener Publizist Karl Kraus wurde mit seinem Drama »Die Letzten Tage der Menschheit« weltberühmt. Und als Vaterlandsverräter beschimpft. Denn er denunzierte nicht die Feinde, was fast alle taten, sondern demaskierte die Kriegshetzer und Kriegsgewinner in den eigenen Reihen. Kraus schätzte die Aufführungsdauer des bis heute nicht komplett inszenierten Stücks auf zehn Abende: »Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten.«
Werner Steinmassl präsentiert eine Szenenauswahl und interpretiert dabei sämtliche Rollen. Er beschert uns einen entlarvenden Blick in den Spiegel. Denn wir müssen uns fragen, in diesen nach wie vor kriegerischen Zeiten, wie viel Nationalismus und Chauvinismus auch in uns Heutigen noch steckt.
Werner Steinmassl, von der Süddeutschen Zeitung als »brillanter Darsteller opportunistischer Charaktere« gerühmt, liest aus Karl Kraus »Die letzten Tage der Menschheit« und begleitet sich mit dem Akkordeon.
Das eigentlich Unmögliche, im Turmtheater wirds Ereignis
Karl Kraus, der große »Widersprecher«, der Leser der Zeitungen seiner Zeit, der sich stets im Konflikt mit dem Geist seiner Gegenwart befand und wie ein Blogger heutiger Tage dieses Aufbegehren und Nicht-Einverstanden-Sein in seiner »Fackel« mitprotokollierte, er war sich also der Paradoxie seines Unterfangens sehr wohl bewusst. Umso größer die Herausforderung, der sich der in Graz geborene, in Wien sozialisierte und seit Jahrzehnten in Regensburg ansässige Schauspieler Werner Steinmassl stellt: … wenn er im Turmtheater »Die letzten Tage der Menschheit« auf eine rund 80-minütige Lesung eindampft und dem vielstimmigen, weitgehend im Dialekt vorgetragenen Chor von Nörglern und Optimisten, den Nowotnys, Pokornys und Powolnys, den Zeitungslesern und anderen Unkundigen einen solchen Ausdruck verleiht, dass wie in einem Ensemble Sturm läutender Kirchenglocken der Klang dieser »großen Zeit« zwischen 1914 und 1918 aufgehoben ist. … Wie er das alles macht, seine Stimme und die Mimik jeweils anpasst, an all die Zynismen und Boshaftigkeiten und im Anschluss singt, das hat große Klasse. Und uns, dem 2024er-Publikum hier im Turmtheater, läuft’s kalt den Buckel runter, in einer Mischung aus Schrecken und Faszination, aus Wiedererkennen und Fassungslosigkeit.
Oberpfalzecho | 31.05.2024 | Peter Geiger