Zum Jahresende 2023: Ausblick auf die zweite Hälfte der Spielzeit

Zum Jahresende 2023: Ausblick auf die zweite Hälfte der Spielzeit

Liebe Theaterfreundinnen und Theaterfreunde,
liebe Vereinsmitglieder,
verehrtes Publikum!

Das Jahr 2023 geht langsam aber ohne Zweifel in sein letztes Sechstel und an vielen Orten können wir bereits wieder die gewohnten Weihnachtsprodukte sehen, begutachten, kaufen und konsumieren oder bestellen und verschenken. Viele von uns erleben die Weihnachtszeit und die Wochen vor dem Jahreswechsel mit ambivalenten Gefühlen. Bestimmt ist dieser Eindruck nicht neu, aber angesichts der vielen verschiedenen Krisen und Kriege, die wir weltweit zunehmend und in erschreckendem Ausmaß erleben, stellen wir uns als Menschen, die für das Theater arbeiten und dafür brennen, Geschichten zu erzählen, einmal mehr und immer intensiver die Frage nach dem Sinn von dramatischer oder komödiantischer Unterhaltung.

Müssen wir Theater spielen in Anbetracht der hunderttausenden von Toten, Millionen von Flüchtenden und traumatisierten Menschen, an deren Schicksalen wir täglich live über die »Sozialen Medien« direkt beteiligt sein können, über deren Zustand wir täglich und stündlich informiert werden und deren Geschichten oftmals missbraucht werden, um Meinungen oder Haltungen von Gut und Böse, Richtig und Falsch zu bilden und zu propagieren – müssen wir dann auch noch Theater spielen? Warum?

Weil wir uns nach Unterhaltung sehnen und im Konsum von Kultur den Schrecken der Welt vergessen wollen – wenigstens für ein oder zwei Stunden? Oder gilt es am Theater noch eine weitere Meinung zu den vielen anderen Meinungen hinzuzufügen, die mittlerweile Halbwertszeiten von wenigen Stunden haben? Müssen wir als Vertreter von Kultur noch mehr Überflüssiges zum Wahnsinn dieser Zeit beitragen?

Was ist denn am Theater das Besondere, das sich abhebt vom alltäglichen Irrsinn der Meinungsmache und Tendenzverbreitung? Wenn wir Theater nur als weitere Möglichkeit zum Konsum verstehen, der uns die Leiden in und an der Welt vergessen machen soll, dann hätten wir Theaterleute in ethischer und künstlerischer Hinsicht versagt. Der Mehrwert von Unterhaltung am Theater besteht nicht im Verdecken von Leiden und Schmerzen, sondern in deren Bewusstmachung. Sei es in einer Komödie oder in einer Tragödie, sei es in einer Farce oder im Musical: stets sind wir unserem Publikum dazu verpflichtet, die Reise zurück ins Hier und Jetzt anzutreten. Zurück aus den Illusionen der schlechten oder angstvoll herbeigeredeten Zukunft, zurück aus einer tödlich beengenden Vergangenheit oder zurück aus den Tagträumen der Gegenwart. Theater findet immer nur jetzt statt. Immer und ausschließlich live, nachvollziehbar und immer inmitten der wunderbaren Präsenz des geschätzten und verehrten Publikums. Im Theater ermöglichen wir Ihnen, echte und wahre Empfindungen zu erleben, mit anderen zusammen und in größter Authentizität. Theater ist das Gegenteil von Propaganda oder Manipulation. Im Theater ist das höchste Gut die Freiheit jedes einzelnen Menschen, die Geschichten so zu erleben, wie sie sich selbst gerade zeigen: unverstellt, ohne fake und ohne indoktrinierende Absicht. Kunst funktioniert nur in dieser Art: Den Zuschauern und Betrachtern die Freiheit zu geben, um eigene Gefühle und Empfindungen entstehen lassen zu können. Nichts könnte wichtiger oder sogar provozierender sein in einer Zeit zunehmender Manipulation und Einflussnahme.

Es wäre fatal, wenn wir Theaterleute uns von dem Meinungs- und Haltungswahnsinn der kurzlebigen Informationsgesellschaft beirren ließen. Unsere Aufgabe und unsere Kunst ist es, für unser Publikum und für uns selber wahrhaftige Momente möglich zu machen. Theater ist im besten Fall eine Rückverbindung zur wahren und aktuellen Realität eines jeden einzelnen Menschen selbst. Theater soll nicht Vergessen fördern, sondern Bewusstsein schärfen und Wachheit bewirken.

In jeder unserer Produktionen in diesem vergangenen Jahr haben wir uns genau diesen ethischen Werten verpflichtet. Wir versuchen auch in den absurdesten Komödien oder Farcen den Bezug zur Wirklichkeit und die Verankerung im Hier und Jetzt in den Mittelpunkt zu stellen. Wir freuen uns, dass wir zum Ende des Jahres mit »Kunst«, »In einem kühlen Grunde«, »Nein zum Geld« und zuletzt mit der Wiederaufnahme von den »39 Stufen« vier neue und literarisch aktuelle sowie brisante Stoffe für Sie auf die Bühne bringen konnten. Die Auswahl der begleitenden Gastspiele reichte von alten und bewährten Produktionen und Partnerinnen bis zu neuen und interessanten Kooperativen, wie zum Beispiel mit dem Altstadttheater Ingolstadt oder dem Theater-und-sofort aus München mit dem bezaubernden Gerd Lohmeyer.

Am Ende des laufenden Jahres haben wir einen weiteren Aspekt der Pandemiejahre hinter uns gelassen: Der künstlerische und technische Wiedereinzug in das Turmtheater ist so gut wie abgeschlossen, und das während des laufenden Spielbetriebes. Wir danken allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Freiwilligen und den Mitgliedern, die uns in diesen komplizierten Monaten ideell und materiell unterstützt haben. Wir danken dem DEZ und der immer zugewandten und unterstützenden Geschäftsführung. Nicht zuletzt danken wir auch Ihnen, liebes Publikum für Ihre unerschütterliche Treue zum Turmtheater und Ihre Geduld, wenn sich bezüglich der Ausweichspielstätte im DEZ die eine oder andere logistische oder technische Schwierigkeit ergab.

Die Vorstellungen im Turmtheater sind hervorragend besucht und die Freude, endlich wieder in der Regensburger Altstadt hochwertiges Theater im Turm erleben zu können, ist beim Publikum wie auch bei den Schauspielerinnen und Schauspielern spürbar.

Wir danken unseren Unterstützern und Förderern. Insbesondere natürlich der Stadt Regensburg und dem Staatsministerium für Bildung und Kultur. Ohne die verlässlichen Zuwendungen der öffentlichen Hand, wäre der Theaterbetrieb im Turm nicht möglich. Die Förderungen für das Turmtheater sind ein deutliches Zeichen für den dauerhaften Erhalt dieser Institution. Das soll nicht davon ablenken, dass wir als kleines Privattheater nach wie vor oft an wirtschaftliche und personelle Grenzen stoßen, die wir mit viel Fantasie, Ausdauer und privater Initiative überwinden müssen, um die neue Qualität der Vorstellungen zu erhalten.

Für die zweite Hälfte der laufenden Spielzeit 23/24 möchte ich Ihnen zwei neue Produktionen ankündigen, die in mehrfacher Hinsicht ein großes Anliegen sind: Anfang Februar werden wir mit »Heute Abend: Lola Blau« von Georg Kreisler eines der meistgespielten Ein-Personen-Musicals präsentieren. Der Altmeister des literarisch-musikalischen Kabaretts hat mit dem anspruchsvollen und zugleich unterhaltsamen Werk Theatergeschichte geschrieben.

Ab April zeigen wir im Turmtheater Lot Vekemans Schauspiel »Gift«. Mit dieser Produktion wagt sich das Turmtheater einmal aus dem komödiantisch-intelligenten Genre in das psychologisch feine und berührende Charakterspiel. Eine vergangene Paarbeziehung wird zur Parabel für die Ankunft in der Gegenwart. Die kleine Bühne im Turmtheater ist für dieses aktuelle Drama geradezu prädestiniert.

Neben den aktuellen Eigenproduktionen, die regelmäßig auf den Spielplan kommen, präsentieren wir weiterhin Gastspiele, wie zum Beispiel von den Gruppen Plan B, Wort- und Tonschlag oder von Michael Ophelders mit seinen Soloprogrammen. Wir behalten die Theaterangebote für Kinder zur Weihnachtszeit weiter im Programm und flankieren »Ein Schaf fürs Leben«, unserer Koproduktion mit dem LTO, mit dem »Funkelnden Rambazamba« im Dezember. Die beliebten Kindermusicals wie zum Beispiel der »Farbenzauber« bleiben ebenso Teil des festen Spielplans am Turmtheater. Die Theaterworkshops »TurmKids« erfreuen sich zunehmender Beliebtheit und sind regelmäßig im Angebot des Theaters vertreten.

Wir können uns mit Ihnen zusammen auf eine vielfältige und reichhaltige zweite Spielzeithälfte freuen, in der für alle Interessen und Gemütslagen das entsprechende Programm angeboten wird.

Ich wünsche Ihnen allen eine friedliche Zeit, in der wir Gelassenheit und mentale Ausgeglichenheit als hohes Gut in der Gesellschaft, aber auch – oder insbesondere in der Rezeption von Theater und Kunst neu verstehen lernen. Es ist an der Zeit, sich vom medialen und konsumorientierten Mainstream zu emanzipieren, wenn wir wahrhaftiges und berührendes Theater machen und erleben wollen. Wir freuen uns darauf, Sie bei unseren Vorstellungen im Turmtheater begrüßen zu dürfen.

Mit vielen herzlichen Grüßen,

Markus Bartl

Turmtheater Regensburg
Künstlerischer Leiter
Vorsitzender Kulturturm e.V.


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